Späte Rehabilitation in Hamburg

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Der Tonndorfer Kurt Oldenburg desertierte und wurde 1942 zum Tode verurteilt Foto: rg

In der Jenfelder Au wird erstmals eine Straße nach einem Deserteur benannt

Jenfeld Es ist heiß am Rand der Baustelle. An der frisch asphaltierten Straße, die am bereits bezogenen Inklusionsprojekt vorbei führt, wurde der Boden extra für die Feierstunde planiert. Peter Pape, Vorsitzender der Wandsbeker Bezirksfraktion, begrüßt die Gäste. „Ich freue mich, dass nun eine bleibende Erinnerung für eines der Opfer der NS-Militärjustiz geschaffen werden konnte“, so der SPD-Politiker. Zwei weitere Straßenbenennungen für Deserteure sollen im Zuge der weiteren Erschließung der Jenfelder Au noch folgen. Der Namensgeber ist mit Bedacht ausgewählt. Kurt Oldenburg wurde am 19. Februar 1922 im damals noch preußischen Wandsbek geboren und lebte in Tonndorf. Er war zunächst Seemann und wurde dann in die Kriegsmarine eingezogen. Gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund Ludwig Baumann war Oldenburg im französischen Bordeaux stationiert. Beiden kamen Zweifel am Krieg. Sie setzten sich ab, wurden aber aufgegriffen und ließen sich festnehmen, obwohl beide Soldaten bewaffnet waren. Oldenburg und Baumann wurden im Sommer 1942 zum Tode verurteilt, später zu zwölf Jahren Zuchthaus begnadigt. Dies habe man ihnen aber erst zehn Monate später mitgeteilt, betont Detlef Garbe, Historiker und Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in seiner Rede: „Das waren Monate der Ungewissheit im Todestrakt.“ Beide Deserteure wurden schließlich „zur Bewährung“ an die Ostfront geschickt. Kurt Oldenburg starb dort unter ungeklärten Umständen, erst 1981 wurde er für tot erklärt.

Zeitzeugen zu Gast


Oldenburgs Freund Ludwig Baumann (94) spricht selbst mit leiser, aber fester Stimme. Bilder der NS-Wochenschau von russischen Kriegsgefangenen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hätten die Freunde überzeugt: „Diesen Krieg wollen wir nicht mehr. Wir wollen leben, anstatt Menschen umzubringen“, so Baumann. Nach der gescheiterten Flucht und dem Urteil erlebten beide Folter und Misshandlung, sie seien die ganze Zeit an Händen und Füßen gefesselt gewesen. „Jeden Morgen haben wir gedacht: Jetzt holen sie uns raus“, erinnert sich Ludwig Baumann. Erst 1943 erfuhren beide von ihrer Begnadigung. Für die überlebenden Deserteure dauerte der Kampf für ihre Rehabilitation noch Jahrzehnte. Das konkrete Urteil der NS-Militärjustiz wurde erst 1998 aufgehoben. „Wir werden von niemandem bedroht. Mit unserer Geschichte sollten wir uns einsetzen für gewaltfreies Handeln, Frieden und Gerechtigkeit“, schließt der Zeitzeuge und bekommt Applaus. (rg)
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