St. Pauli-Theater: Probebühne als Flüchtlingsunterkunft?

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Das St. Pauli-Theater wird im nächsten Jahr 175 Jahre alt. Diese historische Aufnahme stammt aus der Broschüre zum 170. Geburtstag (Foto: St Pauli Theater)

Gala zur Eröffnung der Spielzeit im Zeichen aktueller Politik. Renovierung 2016 wird voraussichtlich zwei Millionen Euro kosten. Neues Hamburg-Musical

Von Silvia Stammer

Kabarett-Altmeister Matthias Deutschmann sorgte auch an diesem Gala-Abend für die nötige Einordnung der Geschehnisse: Kürzlich sei man doch noch mit wichtigen Gesellschaftsthemen beschäftigt gewesen, wie zum Beispiel, was das Frausein des schwulen Mannes Conchita Wurst bedeute. Nun gehe es aber um ein Thema von ganz anderer Dimension: Flüchtlinge. Und so kreiste auch die rauschende Veranstaltung zur Spielzeit-Eröffnung 2015/2016 des St. Pauli-Theaters immer wieder um Ressentiments, politische Herausforderungen und eine Zukunft, die bekanntermaßen vor allem dadurch geprägt ist, dass sie keiner kennt. Die Lage in Hamburg ist angespannt, was Unterkünfte für Asylsuchende betrifft. Auch die Probebühne des St. Pauli-Theaters auf der Uhlenhorst könnte für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden.

Der Beginn des Abends war klassisch. Die Hausherren Thomas Collien und Ulrich Waller begrüßten das Publikum, in dem viele Förderer des Hauses saßen. Unter anderem auch Altbürgermeister Dr. Henning Voscherau (74), der sich im Frühjahr einer schweren Kopf-Operation im UKE unterziehen musste. Blass, den linken Arm auffällig angewinkelt, aber mit dem ihn kennzeichnenden heiteren, offensiven Charme ließ er Fragen nach seinem Befinden kaum aufkommen, sondern fragte seinerseits die Reporterin, wie es denn so ginge. Er drückte mit seiner Anwesenheit die Verbundenheit zu dem Traditionstheater aus, das im kommenden Jahr bereits sein 175-jähriges Bestehen feiert.

Vor dem Start in die Jubiläumssaison – für die unter anderem eine Inszenierung von Jürgen Flimm angekündigt wurde - wird in dem Haus im nächsten Jahr an der Reeperbahn kräftig Hand angelegt. Für zwei Millionen Euro werde das St. Pauli-Theater saniert, so Waller und Collien, ab Ende Mai 2016 sei deshalb geschlossen. Immerhin 650.000 Euro bekäme man dafür vom Denkmalschutz, dies sei unter anderem dem Einsatz von Kultursenatorin Kisseler zu verdanken. Einmal mehr kritisierten Waller/Collien die geringe Unterstützung für den laufenden Betrieb durch die Stadt. Andere Bühnen machten ein vergleichbares Programm, bekämen jedoch viel mehr Zuwendung.

In der dreistündigen Gala gab es einen Querschnitt über laufende und neue Produktionen zu sehen, garniert mit Kabaretthighlights, unter anderem von Matthias Brodowy. Der „Vertreter für gehobenen Blödsinn“ brillierte unter anderem mit einer fulminanten Persiflage auf Sigmar Gabriel – der als „Sigi“ zur Melodie von Falcos „Jeannie“ zum Opfer wird. Das war einer der Momente, in dem das sonst eher zurückhaltende Hamburger-Publikum an diesem Abend etwas „abging“. Vielleicht waren aber auch Menschen im Zuschauerraum mit ihren Gedanken ganz woanders. Etwa Prof. Dr. Heiner Greten, „Leibarzt“ von Altkanzler Helmut Schmidt. Der 96-Jährige Schmidt war kurz zuvor auf Gretens Geheiß mit lebensbedrohlichen Gefäßproblemen ins Asklepios-Klinikum St. Georg eingewiesen worden.

Genügend heitere Momente gab es an diesem Abend trotzdem. Das Ensemble aus „Höchste Zeit“ (Susanne Hayo Laura Leyh, Kira Primke, Sabine Urig und Band) performte schmissig zwei Songs, und es gab Ausblicke auf das neue Hanseaten-Musical „Hamburg Royal“. Da durfte sich Rüdiger Kowalke vom legendären Fischereihafenrestaurant angesprochen fühlen, denn die Produktion, die am 24. September Premiere hat, spielt in einem feinen Fischlokal.

Das Thema Flüchtlinge holte spätestens am Ende die Zuschauer wieder ein. Arnulf Rathing, der durch das Programm geführt hatte, warb für Spenden an die Hamburger Flüchtlingshilfe und der Glasbehälter an den Ausgängen füllte sich denn auch schnell mit vielen Scheinen. Ob die Probebühne des St. Pauli-Theaters in der Averhoffstraße auf der Uhlenhorst als Flüchtlingsunterkunft dienen wird, soll laut Ulrich Waller am heutigen Mittwoch Vormittag eine Begehung mit den zuständigen Behörden und Institutionen klären.
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