„Volksbefragungen ändern“

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Lutz Basse (66), SAGA-Chef noch bis September Foto: wb
 
129.866 Wohnungen hat die Saga GWG im Bestand Grafik: wb/S. Kühn
 
Aktuelles Beispiel für öffentlich geförderten Wohnungsbau: neue Wohnungen im Stadtparkquartier Visualisierung: SAGA GWG

SAGA-GWG-Chef Basse über Quoren, Mieter und seine Pläne

Von Silvia Stammer
Hamburg
Die Volksgesetzgebung in Hamburg sollte „nachjustiert“ werden. Dafür plädiert SAGA-GWG-Chef Lutz Basse im Interview mit dem Wochenblatt. „Unmittelbare Betroffenheit, weil ich einen Spielplatz an einer bestimmten Stelle verwirklicht sehen will, ist etwas anderes als wenn ich die Stadt zwinge, über Volksentscheide in hohem Umfang Belastungen auf sich zu nehmen, deren Risiken nicht abschätzbar sind“, sagte Basse. Außerdem sprach er über Stadtteile im Aufwind, SAGA-Mieter und seine Zeit beim städtischen Wohnungsunternehmen.

WochenBlatt: Herr Basse, Sie hören im September nach 26 Jahren auf bei der SAGA GWG.
Lutz Basse (lacht): Oh ja, wie die Zeit vergeht...

WB: Wie fühlt sich das an?
Basse: Ich bin darauf eingestellt, vielleicht auch deshalb, weil ich mein Leben lang Projekte gemacht habe. Und die hatten immer einen Anfang und ein Ende. Dies war sicher das anspruchsvollste Projekt.

WB: Was würden Sie als einen Punkt betrachten, den Sie noch gerne gelöst hätten?
Basse: Was nicht so gut läuft, ändere ich. Wenn das nicht geht, neige ich zu einem gewissen Fatalismus. Ich konzentriere mich lieber auf die Chancen. Wir sind weit gekommen mit dem Bündnis für das Wohnen, dem Bündnis für die Quartiere. Das ist unser Verständnis moderner Stadtentwicklung. Dafür eine Offenheit in der Stadt zu haben, ist herausragend. Hamburg hat da ein Alleinstellungsmerkmal, mit einer kooperativen Stadtentwicklung, die alle Partner einbindet, aus der Wohnungswirtschaft ebenso wie aus der Politik und Verwaltung. Auch dort habe ich es immer mit verantwortungsbewussten Persönlichkeiten zu tun gehabt.

WB: Auch bei Schwarz-Grün?
Basse: Uneingeschränkt. Auch da musste man sich zurechtrütteln, das ist klar, aber das Unternehmen ist weiterbefördert worden. Unser Kurs ist ein nach-
haltiger, sozusagen für die Ewigkeit. In wenigen Jahren wird die SAGA GWG 100 Jahre alt.

WB: In den Stadtteilen fühlen sich nicht alle Menschen bei der Stadtentwicklung so mitgenommen.
Basse: Wenn man die Bautätigkeit intensiviert, trifft man natürlich auf Nachfrager, die es honorieren, weil sie ein besseres Angebot bekommen. Aber wenn Sie bauen, treffen Sie auch auf Menschen, die dort schon lange wohnen und sich durch die Baustelle oder einen verstel-lten Blick beeinträchtigt fühlen.

WB: Auch Hochbahnchef Elste musste die Folgen von Bürgerprotest bei der Stadtbahnplanung erfahren. Wie beurteilen Sie Volksgesetzgebung in Hamburg?
Basse: Sie ist ein zusätzliches Element für mehr Demokratie, allerdings darf sie nicht an Randbedingungen gebunden sein, die keine Verantwortung beinhalten. Das heißt, wenn ich mich subjektiv dafür ausspreche, aus einer emotionalen Empfindung heraus, Netze zu kaufen, muss ich auch ein Geschäftsmodell zugrunde legen, wofür sich die Stadt verschuldet und fragen, ob sich das lohnt. Der Anspruch an Dokumentationserfordernis bei umfassenden Entscheidungen in dieser Stadt, die nicht von der Politik getroffen werden - wofür sie gewählt worden ist - , sondern von Volksinitiativen oder –begehren ausgelöst sind, der muss ein anderer werden. Ich glaube nicht, dass man einfach nach Gefühl und Wellenschlag Volksbefragungen in jeder Phase machen kann bei vergleichsweise geringen Quoren.

WB: Sie plädieren dafür, die Volksgesetzgebung nachzujustieren?
Basse: Ja. Man sollte eine stärkere Abstufung in den Volksbegehren und Volksentscheiden vornehmen: Unmittelbare Betroffenheit, weil ich einen Spielplatz an einer bestimmten Stelle verwirklicht sehen will, ist etwas anderes als wenn ich die Stadt zwinge, über Volksentscheide in hohem Umfang Belastungen auf sich zu nehmen, deren Risiken nicht abschätzbar sind. Wir sind in unserer Geschäftstätigkeit durchaus geübt. Wir modernisieren jedes Jahr zwischen 2000 und 4000 Wohnungen, haben 2014 mit dem Bau von 1000 Wohnungen im Neubau begonnen, da muss man mit Betroffenen sprechen, Chancen und Risiken offen benennen, dafür seine Mehrheiten suchen.

WB: Wie sieht der typischen SAGA GWG-Mieter 2015 aus?
Busse: Er oder sie lebt in einem Ein oder Zwei-Personenhaushalt, ist in Ausbildung, Arbeit oder Rente. Hat in der Regel eine Wohndauer von über zehn Jahren. Kennt das Unternehmen, schätzt sein Quartier und die Nachbarschaft. Jeder zweite Mieter hat Migrationshintergrund.

WB: Im Projekt „Stromaufwärts...“ werden Rothenburgsort, Horn, Hamm als kommende Viertel genannt. Wie lange wird es dauern, bis sie wirklich beliebte Quartiere werden?
Basse: Wenn Sie den hohen Anspruch von Ottensen nehmen, reden wir über eine Entwicklungszeit von 25 Jahren. Nehmen Sie Ottensen oder St. Georg: Vor 30 bis 40 Jahren wollte niemand da hin. Die Neue Heimat hat ganze Fabrikgelände in Ottensen gekauft, die uns dann zugefallen sind und die wir entwickelt haben. Das dauert Jahrzehnte. Dann kommt der Zeitpunkt, wo die Standorte einen eigenständigen Aufschwung entwickeln. Wir ziehen uns dann etwas zurück. Es wird auch teurer, aber unser Bestand stellt den Sockel für bezahlbares Wohnen dar.

WB: Wonach werden diese Viertel ausgewählt?
Basse: Kurz gesagt: Wir schauen auf die Entfernung zur Innenstadt, auf die Qualität des Standortes, dann setzen wir uns mit den Kollegen der Hochbahn
zusammen und fragen: „Wo baut ihr die U-Bahn in den nächsten 20 Jahren?“ Sie fragen: „Wo baut ihr Wohnungen?“ So versuchen wir das zusammenzuspielen. So
ist auch das Bündnis für die Quartiere entstanden, weil wir gesehen haben, dass Transparenz und Berechenbarkeit ganz wesentliche Faktoren sind für
eine qualifizierte Quartiersentwicklung. Den Markt kann man nur entspannen, wenn man die Attraktivität der Stadt in der Breite steigert, mithin alle Stadtteile im Blick behält.

WB: Was sind die Vorzüge von Hamm und Horn?
Basse: Sie finden dort Schumacher-Architektur, Backsteinbauten, aber auch Jugendstilarchitektur, trotz Kriegszerstörung. Derzeit findet eine Verjüngung statt. Hamm/Horn ist eher ein überalterter Stadtteil, aber man sieht jetzt die demografische Entwicklung und den Zuzug junger Bevölkerungsgruppen. Diese Stadtteile sind ungleich preiswerter als Ottensen, haben aber die gleiche Entfernung zur Innenstadt.

WB: Also am besten jetzt schon nach Horn ziehen?
Basse: Eigentlich ja.

WB: Wie sehen Sie das Potenzial von Bramfeld und Barmbek?
Basse: Beide Stadtteile darf man nicht isoliert betrachten. Nach Barmbek sind wir vor zehn Jahren mit dem Neubau unserer Zentrale gegangen. Auf diesem Gelände waren nur Schrottplätze, Gebrauchtwagenhandel und das in Wasserlage, aber auch einer der frequentiertesten U- und S-Bahnhöfe.Aus den verschiedenen städtebaulichen Aktivitäten in diesem Umfeld haben sich Impulse für den Stadtteil ergeben. Angrenzend partizipiert auch Bramfeld von dieser Entwicklung. Dabei ist Bramfeld ein grüner Stadtteil, familiengerecht, durchaus innenstadtnah, allerdings würde ich ihn nicht als „hipp“ bezeichnen.

WB: Wie kann sich Bramfeld trotz der Chaussee entwickeln, die den Stadtteil zerschneidet?
Basse: Ich gehe von einer arrondierenden Bebauung im Bereich Bramfeld Markt hinter dem Einkaufszentrum aus. Auch das Brakula wird erweitert, das spielt eine wichtige Rolle im Stadtteil. Die Weitläufigkeit der Bebauung in diesem Stadtteil lässt zudem attraktivitätsfördernde Arrondierungen durch Neuordnung und Umnutzung zu, die den Standort aufwerten ohne ihn zu beschädigen. Um Bram-
feld mache ich mir insoweit keine Sorgen. Bramfeld gehört zu den Standorten, wo man behutsam Impulse setzen muss. Dann wird es weiter einen eigenständigen Aufschwung nehmen.

WB: Wie geht es weiter, für Sie und die SAGA GWG?
Basse: Auch wenn ich ausscheide, arbeitet das Unternehmen auf sehr hohem Niveau weiter. In der Nachbesetzung für den Vorstand haben wir eine erfahrene Persönlichkeit hinzugewonnen. Wir denken und handeln über Legislaturperioden hinweg und sehen das Unternehmen auf einem guten Weg. Privat werde ich mehr Freiheit und Abenteuer haben. Darauf freue ich mich. Außerdem möchte ich Angebote an der Universität für ältere Studierende in dem Bereich Geschichte und Kunstgeschichte wahrnehmen.

Info Lutz Basse:
Lutz Basse (66) ist gebürtiger Bremer und war in den Achtziger Jahren Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Neue Heimat. Als diese in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und abgewickelt wurde, ging er 1989 zur Stadt Hamburg, die die NH-Wohnungen kaufte – auf Drängen des „klugen Bausenators Eugen Wagner“ (Basse). Als der SAGA GWG-Chef (Jahresgehalt 327.854 Euro) in die Kritik wegen eines Aufsichtsratsmandats geriet, gab er es zurück.


Wohnen bei der Saga:
Die SAGA GWG hat derzeit 130.000 Wohnungen im Bestand. Durch Neubauten steigt der Bestand auf 140.000 bis 2025. Die Durchschnittsmiete in einer SAGA GWG-Wohnung liegt rund 20 Prozent unter dem Mietenspiegel. Derzeit bei etwa 6 Euro/Quadratmeter. Das durchschnittliche Mietenwachstum im Unternehmen beläuft sich auf 1 bis 2 Prozent p. a.
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