Vom Recht auf Beulen und Kratzer

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Sabine Baumgartner: „Ich bin eine ängstliche Mutter
 
Ariane Wende fand es anfangs gar nicht lustig, dass die Kinder mit „echtem“ Werkzeug arbeiten

Im Natur-Kindergarten Kokopelli werden die Kleinen nicht in Watte gepackt...

Von Nicole Kuchenbecker
Berne. „Jedes Kind hat das Recht auf seine Beule“, sagt Fred Babel von der Unfallkasse Nord. Obwohl rund 6.000 Kinder sich in den Kindergärten Hamburgs im vergangenen Jahr verletzten, findet er als „Versicherer“ eine Beule nicht schlimm. Nur wer Grenzen körperlich erfahre, könne Risiken einschätzen. Daher produziert die Unfallkasse Nord zusammen mit Bewegungstherapeutin und Filmemacherin Gerburg Fuchs einen Film zum Thema „Sich bewegen, aber wie?“ Das WochenBlatt war bei den Dreharbeiten im Natur-Kindergarten Kokopelli der Rudolf-Ballin-Stiftung dabei.
Es ist ein regnerischer Tag: Mads (4), Ben (5) und Phillip (5) spielen Cowboy und Indianer. Stöcke dienen ihnen als Pferde. Sie „reiten“ durch den Wald und haben Spaß. Erzieherin Farida Kohsur ermahnt die Kinder, die Regeln zu befolgen. Denn genau diese Regeln sollen sie vor Verletzungen schützen: Bei Regen soll nicht geklettert werden, da die Baumstämme rutschig sind und es zum Sturz kommen kann. Auch das Kämpfen mit Stöcken ist nicht erlaubt. Zu groß ist die Gefahr, dass sich die Kinder ernsthaft verletzen können. Stattdessen erfahren sie die Natur ganz anders – beispielsweise beim Schnitzen. Für Ben, Mads, Philip und Emil ist das mittlerweile reine Gewohnheit. Sie gehen fast täglich mit einem Messer um, denn zu ihrem Kita-Programm gehört das Schnitzen. Ernsthaft verletzt hat sich bislang niemand.
Emil (4) geht mit dem Schnitzmesser um wie ein kleiner Profi. Gekonnt kerbt er es in den Ast. Er muss sich konzentrieren. Wenn geschnitzt wird, dann wird nicht geblödelt. Dann richten die Kinder ihre Aufmerksamkeit gezielt auf ihre Arbeit. Denn die Messer und Sparschäler sind scharf und bergen eine Gefahrenquelle.
Doch im Kindergarten Kokopelli ist es bislang noch nie zu ernsthaften Verletzungen gekommen. Beulen oder Schürfwunden ausgenommen. Aber das gehört zum Großwerden einfach dazu. Auch, wenn manche Mami so ihre Bedenken dabei hat. Sabine Baumgartner aus Sasel kämpft mit ihrer Sorge um den Nachwuchs. „Ich bin eine ängstliche Mutter“, gibt sie zu. Doch zu sehen, wie ihr Kind sich im Kindergarten bewegt und auch den Umgang mit Werkzeug meistert, beruhigt sie. Die dreifache Mutter: „Ich habe meine Ängstlichkeit schon auf ein Kind projiziert.“ Das sollte kein zweites Mal geschehen.
Natürlich darf sich niemand ernsthaft verletzen, wirft Fred Babel ein: „Es gibt einfach keine unfallfreie Kindheit. Kinder müssen aber vor unvertretbaren Risiken bewahrt werden, nicht vor jedem Kratzer.“ Vergiftungen, Verbrennungen oder Unfälle mit elektrischem Strom sollten unbedingt vermieden werden.
Gerburg Fuchs hat bereits einen Film „Kinder sich bewegen lassen“ produziert. Nun folgt „Sich bewegen, aber wie?“, der im Januar 2014 ebenfalls auf der Website der Unfallkasse (www.uk-nord.de, Web-Code P00544) zu sehen sein wird. Mit ihm sollen Eltern und Erzieher ermutigt werden, Kindern Raum zum Ausprobieren zu lassen. Die Kleinen in Watte zu packen, nützt ja nichts. Das ganze Leben ist ja lebensgefährlich...
Fuchs‘ Fazit: „Kinder gehen die Risiken ein, die sie sich zutrauen, erweitern Schritt für Schritt ihren Aktionsradius und gewinnen damit Selbstsicherheit.“
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