Vom Schock der Funkstille

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Volkshochschul-Dozent Klaus Sturz im Gespräch mit der Journalistin und Filmemacherin Tina Soliman. Foto: pi

Tina Soliman in der Volkshochschule Farmsen

Farmsen/Berne. „Neugierig auf Hamburg und die Welt“ heißt ein Kursus der Hamburger Volkshochschule Ost in Farmsen-Berne. Kursleiter Klaus Sturz führte am 8. Mai rund fünfzig Hörerinnen und Hörer in eine heikle seelische Welt. Er hatte die Hamburger TV-Journalistin und Filmemacherin Tina Soliman zu einem Vortrag über ihr schon in der vierten Auflage erschienenes Buch „Funkstille – Wenn Menschen den Kontakt abbrechen“ eingeladen. Das Buch ist aus ihrem NDR-Film „Für mich bist du gestorben“ von 2007 entstanden. Die Hintergründe der vielen Szenen, die Tina Soliman in berührende Bilder umgesetzt hat, wurden in ihrem Vortrag lebendig. Es war schwierig, Menschen die Scheu zu nehmen, vor der Kamera über ihre schmerzlichen Erfahrungen zu sprechen. Viele Menschen haben in der Familie oder im Freundeskreis, vielleicht sogar persönlich, diese Situation erlebt: Ein vertrauter, ein geliebter Mensch bricht ohne Ankündigung, ohne ein Wort der Erklärung und der Klärung, den Kontakt ab. Er verschwindet in einem Schweigen, das – wie Tina Soliman sagt – zwar auch eine Form der Kommunikation ist, aber eine, die den Verlassenen in Ratlosigkeit, ja Trauer stürzt. Alle Versuche, die Funkstille zu durchbrechen, sind zum Scheitern verurteilt. Manchmal empfinden die Verlassenen das in ihren Augen grundlose Verschwinden wie einen kleinen Tod. Und der Kontaktabbrecher? Er hat seine Gründe, seine Funkstille zu verhängen, aber er hüllt sie in ein verletzendes Schweigen. Und ist er nicht selber verletzt? Will er sich durch Verschwinden und Schweigen selber schützen? Vielleicht gehört er zu den Menschen, die Angst vor Nähe haben, die als Kind nicht beachtet, die keine Kraft mehr haben, sich zu erklären oder keine Lust mehr zu diskutieren. Oder kann nicht auch eine Scham so groß sein, dass man am liebsten im Boden versinken möchte? Oft ist es auch die Wut, die sich im Schweigen eine Waffe sucht. Eine lebhafte Diskussion im Musiksaal der Volkshochschule zeigte, wie sehr Tina Soliman mit ihrem Buch einen Nerv berührt hat, die viele Menschen den Schock der Funkstille spüren lässt. In die Volkshochschule ist sie mit ihrem spannenden Thema, zu dem es noch keine Bücher gibt, gegangen, weil sie nicht nur mit Film und Buch dazu beitragen will, das Gespräch über einen dramatischen Konflikt in Gang zu setzen. Denn es kann heilen. Dass Tina Soliman auch das Porträt eines Menschen zeichnen kann, der bei allen Problemen kommunikationsfreudig geblieben ist, hat sie – wie sie am Rande erwähnte – in ihrem Film zum 85. Geburtstag Joachim Fuchsbergers in der ARD-Reihe „Legenden“ gezeigt. (pr/pi)
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