Wenn das öffentliche Grau ein bisschen grüner wird

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Hobbygärtnerin Mirjana -Mira Prokopovic (58) vor ihrem Beet in der Walddörfer Straße Foto: Steiffert
 
Werden gerne abgepflückt: Mirjanas Tulpen Foto: Steiffert

Urban Gardening: Ein Beispiel von der Walddörfer Straße. Und was Politiker dazu sagen

Von Luise Steiffert
Hamburg
Sie sind das Bunt am grauen Fahrbahnrand. An der vielbefahrenen Walddörfer Straße blühen vor einer kleinen Bäckerei Tulpen, Geranien und viele andere Blumen in einem kleinen Beet. Ladeninhaberin Mirjana-Mira Prokopovic (58) ist leidenschaftliche Gärtnerin und verschönert die Straße vor ihrer Ladentür schon ganze 18 Jahre lang. Auf eigene Kosten schwingt sie jedes Jahr ihren Spaten, gräbt Kuhlen für das neue Grün, kauft Dünger und schleppt Säcke voller Erde an. Sie macht es genauso, wie die so genannten „Guerilla-Gärtner“, die brachliegende und städtische Flächen wie Verkehrsinseln oder Seitenstreifen bepflanzen, um das triste Unkraut zu verdrängen.

Viel Zuspruch – aber auch Ärger


Und die Arbeit macht Eindruck: „Viele Kunden sprechen mich auf mein Beet an und finden es sehr schön! Es bleiben sogar Autos stehen, weil die Fahrer die Blumen ansehen möchten“, freut sich die Hobbygärtnerin. „Manchmal passiert es aber auch, dass Leute die Blumen abbrechen und mitnehmen, das macht mich dann sehr wütend und traurig.“ Doch dagegen geht sie jetzt an: vor Kurzem erstattete sie eine Anzeige gegen Unbekannt. Ausgang: ungewiss. Mirjana-Mira Prokopovic macht, wie viele „Guerilla Gärtner“, trotzdem weiter.

Guerilla-Gardening: Vorbild London 2000


Wo die Stadt spart, fangen die Bürger jetzt an zu arbeiten. Denn Hamburg hat sein Engagement für das Grün in der Stadt reduziert. Während bundesweit durchschnittlich zwei Euro pro Quadratmeter im Jahr fließen, sind es 2015 im Bezirk Wandsbek gerade mal 79 Cent pro Quadratmeter Grünanlage.
Dagegen kämpfen viele Hamburger mit eigenem Engagement an. Mit dem Bepflanzen der städtischen Flächen setzen sie ein Zeichen.
Bekannt wurde die Idee des „Guerilla Gardenings“ als Protestaktion. Am 1. Mai 2000 bewaffneten sich Umweltaktivisten mit Spaten und bepflanzten eine Rasenfläche des stark befahrenem Parliament Square in London, um sich die Straßen mithilfe der Natur zurück zu erobern. Die Aktion wurde zur Geburtsstunde des „Guerilla Gardenings“.
Dabei ist das „wilde Gärtnern“ streng genommen illegal. Denn Eingriffe in den öffentlichen Raum sind offiziell genehmigungspflichtig. Mirjana-Mira Prokopovic, die seit 40 Jahre in Wandsbek lebt, hat vor über 18 Jahren im Bezirksamt einen Antrag zur Bepflanzung ihres kleinen Reichs vor der Tür gestellt und braucht sich deshalb keine Sorgen zu machen. Doch eine richtige Strafe droht auch sonst „Guerilla-Gärtnern“ nicht. Die Behörden sind in der Regel nachsichtigt. Und der Bezirkliche Ordnungsdienst (BOD), der ein Auge auf einzelne Flächen im Bezirk haben sollte, wurde 2014 ohnehin aufgelöst...

Gründ dafür


In der Politik, sind die Meinungen über die Bepflanzungen im urbanen Raum geteilt. „Wir finden Urban-/Guerilla-Gardening sehr begrüßenswert und wollen die Menschen dabei unterstützen. Projekte wie diese geben den Bürgern die Möglichkeit sich aktiv in ihren Stadtteil einzubringen und diesen zu gestalten. Auch die Tierwelt profitiert von gepflegten Grünflächen, da dort Lebensräume und Unterschlupfmöglichkeiten für Vögel, Insekten und Kleintiere entstehen“, so Carina Sickau (27), Grünen-Abgeordnete aus Hamburg-Mitte, begeistert.

CDU fordert Regelung


Der CDU-Abgeordnete und Verkehrsexperte Dennis Thering (31) warnt hingegen: „Urban-/Guerilla Gardening kann nur durchgeführt werden, wenn sichergestellt ist, dass die Pflanzen auch so gepflegt werden, dass zu keiner Zeit eine Gefährdung für Verkehrsteilnehmer besteht. Leider ist die Stadt Hamburg schon heute damit überfordert. So häufen sich die Beschwerden bei den Wegewarten der Bezirke über zugewucherte Wege. Die Stadt müsste erst weitere Ressourcen zur Kontrolle des Urban-/Guerilla Gardening zur Verfügung stellen, bevor eine deutliche Ausweitung denkbar ist.“ Die Hobby-Gärtner machen trotzdem weiter, egal ob mit oder ohne politische Zustimmung. Und vielleicht gibt es ja demnächst auch im Bezirk Wandsbek noch mehr Plätze, die so bunt werden wie bei Mirjana Prokopovic an der Walddörfer Straße.
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