Wo Hamburg zum Anbeißen ist

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Anja Ahl (48) liebt den Duft von Holunderblüten. Im Stadtpark lässt sich der Holunderbaum an vielen Ecken finden Foto: sos
 
Der Gundermann schmeckt würzig und eignet sich gut als Küchengewürz oder im Kräuterquark Foto: sos
 
Nele Salzwedel (33) ist auf den Geschmack gekommen: Sie probierte Holunderblüten frisch aus der Natur Foto: sos

Früchte, Blüten, Kräuter pflücken: Auf kostenloser Ernte-Tour zwischen Stadtpark und Eppendorf

Von Sonja Schmidt

Anja Ahl schmatzt genüsslich, während sie auf einem Gänseblümchen kaut. „Hmm, lecker. Nur im Abgang ein bisschen säuerlich“, sagt die 48-Jährige und lässt ihren Blick über den Rasen wandern. „Das Gänseblümchen ist ein Heilkraut und schmeckt getrocknet sehr lecker im Salat oder der Kräuterbutter.“

Die Heilpraktikerin kennt sich aus mit Wildgewachsenem. Im öffentlichen Raum und auf freigegebenen privaten Flächen sucht sie nach Obst, Nüssen oder Kräutern zum Selberpflücken und orientiert sich dabei auch an einer interaktiven Karte von „Mundraub.org“. Rund 400 registrierte „Mundräuber“ sind regelmäßig auf der Suche nach heimischen Schätzen in Hamburg. 37.000 sind es in ganz Deutschland. Das Wochenblatt hat Anja Ahl auf einer ihrer Beutezüge durch den Stadtpark begleitet.

Die Suche nach Essbarem beginnt beim Landhaus Walter an der Otto-Wels-Straße. Ahl stapft mit festem Schuhwerk zielsicher voran.
Für Tinkturen, Liköre, Salben, Cremes, Marmeladen, Gelees oder Honigweine wandert sie regelmäßig durch den urbanen Raum und sucht nach Zutaten. „Selbstgemachtes aus der Natur ist immer ein schönes Mitbringsel“, betont Ahl. Dann zwängt sie sich durch eine dichtbewachsene Hecke und steht vor einem Holunderbaum. „Riecht das nicht lecker?“, fragt sie. Ein süßlicher Duft schwirrt durch die Luft. Ahl zieht eine Blütendolde zur Nase, gelbe Pollen wirbeln umher und landen auf ihrer Kleidung. Wer Holunder pflückt, sollte ihn nicht waschen, erklärt die Expertin. Denn erst die Pollen machen den Geschmack aus. „Getrocknet eignet sich Holunder gut als Tee. Bei Fieber oder Erkältungskrankheiten wirkt er schweißtreibend und hat eine leicht abführende Wirkung.“ Stellen, wo der Boden besonders feucht ist, liebt Holunder besonders.

„After Eight der Kräuter“

An Hamburgs Flussläufen und Bachufern, an der Mühlenau oder der Tarpenbek zum Beispiel, kann man ihn finden. Und dann entdeckt Ahl den Gundermann. Die lila Blüte ist zierlich und klein mit einem Mäulchen. Ein Lippenblütler. Ahl zupft ein Blatt ab und reibt es zwischen ihren Fingern. Es riecht minzig – und schmeckt auch so. „Der Gundermann ist das After Eight der Kräuter, ideal für Schokoladen oder Desserts“, sagt sie.

In gemütlichem Tempo geht es weiter Richtung große Wiese. Ahls Vorfahren sind Bauern, Hirten und Schäfer. So erfuhr sie früh, was sich mit der Natur alles anfangen lässt: „Ich habe schon als Kind in der Stadt Kräuter gesammelt. Ich sage immer, ich bin ein Kräuterling.“ Ob die Stadternte wohl fröhlich macht? Vermutlich, denn irgendwie ist die Erkundungstour in der essbaren Landschaft ein unterhaltsames Abenteuer. Nicht alles wächst auf Augenhöhe. Es wird gekrochen und sich kreuz und quer durch die Büsche geschlagen.

Für Passanten wie Nele Salzwedel mag das seltsam aussehen. Die 33-Jährige spaziert gerade mit ihren Kindern im Stadtpark. Auf die Frage, ob sie ein paar Blätter oder Blüten probieren mag, reagiert sie zögerlich, steckt sich dann aber doch etwas Holunder in den Mund. „Schmeckt lecker. Leider kenne ich mich nicht aus und sage immer nein, wenn mein Sohn was von dem Grünzeug am Wegesrand naschen will.“ Das sei auch richtig so, erklärt Ahl. Wer Lust auf Frisches aus der Natur hat, sollte sich unbedingt vorab informieren, welche Pflanzen genießbar sind. Das Hahnenfußgewächs zum Beispiel ist schön gelb – aber auch giftig: „Den nehmen wir nicht mit, der ist hautreizend.“

Auch die Gruppe „Mundraub.org“ gibt ihren Anhängern ein paar Regeln für das Ernten in der Stadt an die Hand: sich anständig verhalten, nichts wegnehmen das geschützt ist oder jemand anderem gehört. Und vor allem: behutsam mit der Natur umgehen. „Es gibt einen natürlichen Kreislauf, den man während der Stadternte nicht zerstören darf“, erklärt die Natur-Kennerin. „Man darf nicht gnadenlos alles wegplündern. Leider halten sich einige Menschen nicht daran, sondern sammeln kiloweise Bärlauch oder Beeren. Das ist nicht in Ordnung“, so Ahl.

Auf Facebook hat sie die Gruppe „Kräuter und Duft“ gegründet und bietet regelmäßig Kochkurse mit selbstgepflückten Kräutern und Blüten an. Auch mit Brennnesseln, die plötzlich üppig vor ihren Füßen am Wegesrand auftauchen. Viele verabscheuen das wildwuchernde Unkraut, schließlich hat es in der Kindheit die nackten Beine schmerzhaft wundgebrannt. Nur die wenigsten aber wissen: Brennnesseln schmecken vorzüglich. Wenn man die Brennhaare an den Blättern entfernt hat, sie trocknet oder kocht, sind sie vielseitig einsetzbar, etwa gegen Rheuma, Gicht oder Magenbeschwerden. „Die Brennnessel ist eine großartige Heilpflanze“, weiß Ahl. Auch in grünen Smoothies macht sie sich hervorragend.
Ein paar Meter weiter hängen Johannisbeeren, allerdings noch grün und unreif. Beeren und Obst sind im Stadtpark nur schwer zu finden. In der „Mundraub-Map“ im Internet jedoch sind 200 Obstbäume und Obststräucher gelistet. Jan Dube, Pressesprecher der Hamburger Umweltbehörde, gibt an, dass es sogar noch weitaus mehr Süßes in der City zum Vernaschen gibt: „Rund 250 Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume mit essbaren Früchten, dazu noch einmal 325 Walnussbäume“, berichtet er. Ernten dürfe sie jeder. „Die Stadt erntet das Obst nicht selbst und gibt dieses auch nicht direkt zur Ernte frei. Die Früchte sind Allgemeingut, jeder der mag, kann diese auf eigene Verantwortung pflücken, essen oder zu Marmelade und Kompott verarbeiten.“ Das gefällt auch Anja Ahl.

Jogger laufen vorbei

Zum Abschluss der Tour entdeckt sie noch wilden Hopfen an einer Brücke am Südring. Auch diesmal pflückt sie nur von weit oben, außerhalb der Pinkel-Reichweite von Mensch und Tier. Ob die Jogger wohl wissen, an welch schmackhaften Zutaten sie hier offenbar völlig achtlos vorüberlaufen? Ungeübte Augen übersehen schnell, wie reich gedeckt Hamburgs Gabentisch ist. Bestes Beispiel: Eppendorf. Laut Mundraub-Eintrag soll hier ein Apfelbaum am Schrammsweg/Ecke Kellinghusenstraße stehen. „Quatsch, ich wohne seit
30 Jahren in dieser Straße, hier steht kein Apfelbaum“, versichert ein Anwohner.
Die Entdeckungslust aber macht sich bezahlt: Nach langer Suche steht er da, versteckt auf einem Parkplatz: der Mini-Apfelbaum mit winzigen Fruchtkugeln. Ein Biss hinein und: sauer! So ist das nun mal mit der Stadternte: sie ist und bleibt ein Abenteuer.

Tipps zum legalen Pflücken

Auf der Internetseite www.mundraub.org sind deutschlandweit mehr als 22.000 Fundorte verzeichnet. Wer neue Ernteplätze entdeckt, sollte vorab klären, ob keine Eigentumsrechte verletzt werden. Auch private Gärten nur unter Erlaubnis betreten.

Baustellen sind ideale Ernte-Gebiete. Wenn der Boden umgegraben wurde, sprießt viel Grün in kurzer Zeit. Kleiner Tipp: Einen Eimer voll Erde mit nach Hause nehmen und abwarten, was da so wächst.

Achtung: Nicht alles essen, was lecker aussieht. Besser vor einer Erntetour Bücher über Kräuter und Pflanzen kaufen oder mit einem Mundraub-Experten auf Tour gehen.

Auf ihrer Internetseite www.heilpraxis-ahl.de gibt Anja Ahl einen Überblick über ihre Arbeit als Heilpraktikern. Auch Kurse und Schulungen werden aufgelistet.
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