Eine Birke als Lebensbaum: Mit einer Plakette wird an die Verstorbenen erinnert

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Durch ein Messingband, an dem Namensplaketten für die verstorbenen Hinz&Kunzt-Verkäufer befestigt sind, wurde diese Birke zum Lebensbaum Fotos: Christa Möller

Öjendorfer Friedhof: Straßenmagazin „Hinz und Kunzt“ würdigt verstorbene Verkäufer mit Plakette

Von Christa Möller
Öjendorf. „Vom Trauerraum Nord noch einhundert Meter gerade aus, dann rechts und vor der Kurve links rum“ – diese Wegbeschreibung führt zu einem ganz besonderen Ziel: Einer Birke auf dem Öjendorfer Friedhof.
Das ist zwar im Prinzip nichts Außergewöhnliches, denn auf dem Friedhof stehen viele Bäume und auch Birken sind nicht gerade selten. Dass dieser Baum trotzdem die Aufmerksamkeit der Besucher erregt, liegt auch nicht etwa an seiner Form oder seinem Alter, sondern an einem oxydierten Messingband, das sich um seinen Stamm windet. Daran sind etwa zweihundert kleine Namensplaketten befestigt.
„Wenn einer unserer Verkäufer stirbt, versuchen wir dafür zu sorgen, dass er anständig unter die Erde kommt, dass wir einen Pfarrer dabei haben und eine Trauerfeier stattfindet“, erklärt Sozialarbeiter Stefan Karrenbauer. „Sonst werden Menschen ohne Angehörige anonym gemeinsam auf den Friedhof verbracht.“ Immerhin bekommen die Urnen eine Nummer, falls es später doch noch mal Nachfragen gibt. Weil Karrenbauer häufig ganz allein bei der Trauerfeier war und manchmal auch nicht teilnehmen konnte, hatte er die Idee zu dem so genannten Lebensbaum, an dem für jeden verstorbenen Hinz&Kunzt-Verkäufer eine Plakette befestigt wird. „Der Friedhof Öjendorf war sehr kooperativ“, freut er sich. Seit etwa zehn Jahren kommen Stefan Karrenbauer und die anderen Mitarbeiter des Straßenmagazins Hinz&Kunzt nun einmal jährlich am Totensonntag zu einer Gedenkveranstaltung für die verstorbenen Verkäufer zusammen. „Es ist ein Pfarrer dabei, es gibt Gitarrenmusik, Kaffee und Kuchen. Die Veranstaltung wird sehr gern besucht von unseren Verkäufern“, sagt Sozialarbeiter Stefan Karrenbauer.

„Niemand darf einfach so verloren gehen.“ /h2>
Wer noch Verwandte hat und eine Beisetzung mit Grabstein erhält, bekommt ebenso eine Plakette am „Lebensbaum“ wie diejenigen der durchschnittlich 46 bis 48 Jahre alten verstorbenen Obdachlosen, die anonym bestattet werden. So bleiben alle Hinz&Kunzt-Verkäufer auch nach ihrem Tod in Erinnerung – der „Lebensbaum“ macht es möglich - „eine Tradition, die gut tut und ein wichtiges
Ritual für gelingende Trauerarbeit ist“, sagt dazu Anja Wiebke vom Referat Marketing und Vertrieb der Hamburger Friedhöfe. „Alle Menschen, natürlich auch solche in sozial prekärer Lage, verdienen ein würdigen Gedächtnis. Niemand darf einfach so verloren gehen.“

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