Engel der Obdachlosen

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Ursula Graetsch (73) erhielt kürzlich das Bundesverdienstmedaille. Foto: Bätz

Ursula Graetsch erhält Bundesverdienstmedaille

Von Hubert Bätz
Rahlstedt. Sie ist der „Engel der Obdachlosen“: Seit 50 Jahren hilft Ursula Graetsch (73) Menschen, die oft unverschuldet auf der Straße landen, die von staatlicher Hilfe nicht erreicht werden oder aus eigener Kraft keine Hilfe annehmen könnten. Dafür ist die Rahlstedterin jetzt mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet worden.
Ursula Graetsch besitzt ein ausgeprägtes Helfersyndrom, scheut sich nicht, Menschen anzusprechen. Weder die, die unter Brücken oder vor Geschäftseingängen nächtigen, noch jene, mit denen es das Leben besser meinte und die helfen können.
Angefangen hat ihre Hilfe vor rund 50 Jahren. Ursula Graetsch stand damals hinterm Tresen in der „Mambo-Schenke“ an der Talstraße in St. Pauli. Jeden Abend brachte sie die Essensreste aus dem Lokal zu den Obdachlosen, die vor dem Gebäude der Heilsarmee saßen. Eine ungewöhnliche, aus ihrer aber Sicht pragmatische Aktion. „Das Lokal hatte es übrig, und die hatten Hunger.“
Bald weitete sich ihr Engagement aus. Mit der Zeit hatten sie nämlich gefragt: „Uschi, kannst Du mir vielleicht ‚ne Hose oder nen warmen Pullover organisieren?“ Die Rahlstedterin beschaffte fortan auch Kleidung und Schuhe. Helfen bereitete ihr Freude, aber als sich der Kreis der Hilfsbedürftigen sich durch die Mund-zu-Mund-Propaganda ausweitete, hieß es „organisieren“. Für ihre „Jungs“ ging sie fortan Klinken putzen, und das bis heute, obwohl sie seit dem vergangenen Sommer kürzer treten will. Stolz erzählte sie beim Besuch in der Berner Straße: „Ja ich kenne die Herrschaften in den Führungsetagen vom Alsterhaus, von Geschäften wie dem Outdoor-Kaufhaus Globetrotter. Die kennen mich auch, ich bekomme da immer etwas - von Schlafsäcken bis hin zu kleinen Zelten.“
Wie viele Obdachlose es in Hamburg gibt, weiß nicht einmal die Hamburger Sozialbehörde. Schätzungen sprechen von 1000 Menschen. Ursula Graetsch meint, dass es mehr als 2000 Menschen sind. Die Gesamtzahl ist schwer zu ermitteln, weil nicht jeder Obdachlose die Unterkünfte der Stadt, das Winternotprogramm, oder Wohncontainer zum Beispiel der Kirchen nutzt. Viele schlafen in leeren Häusern oder an anderen geschützten Plätzen. Ursula Graetsch und ihr Mann Hans-Werner Graetsch (65) kennen viele Obdachlose von ihren Touren quer durch die Hansestadt.
Denn immer wieder „touren“ sie vom Hamburger Nordosten aus durch das ganze Stadtgebiet und übergeben vor Ort irgendwo an den Schlafplätzen Spenden, die sie in Kaufhäusern und Supermärkten erhalten haben. Mal ist es ein Schlafsack, mal ein warmer Pullover. Ursula Graetsch ist ihrem Mann dankbar für seine Hilfe als Fahrer, denn sie selbst hat keinen Führerschein. Der schmunzelt: „Ich wusste ja auf was ich mich einlasse, als ich Uschi heiratete, sie hat mich angesteckt mit ihrem Helfen.“
Ursula Graetsch ist stolz auf die Auszeichnung, die sie kurz vor Weihnachten von Sozialsenator Detlef Scheele erhielt. Denn dafür wurde sie auch von ihren Jungs vorgeschlagen. Die versuchen ihren Dank auszudrücken wo es geht. Vor Jahren haben sie, als ihr Mann Hans-Werner krank war, sogar den Garten gemacht. Solcher Dank ist ihr wichtiger als Ehrungen. Graetsch: „Die sind mir willkommen, wenn ich Spender und Sponsoren überzeugen kann, mehr zu helfen“. Daher feierte sie die Ehrung natürlich mit ihren Unterstützern, die sie gleich um weitere Hilfe ansprach. Auch Senator Scheele kam nicht ungeschoren davon, er musste versprechen, dass er sich um Toiletten für die „Jungs an der Kennedybrücke“ kümmert.
Für Menschen, die helfen wollen, lautet ihr und Hans-Werner Graetsch Tipp: „Nicht immer vorbei gehen, denn wenn jeder Mensch soweit hilft, wie er kann, dann kriegen andere Menschen auch Probleme besser in den Griff.“
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