Mutmaßlicher Dealer frei

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Zeugen ändern Aussage – mutmaßlicher Dealer kommt frei Symbolfoto: thinkstock

Zeugen ändern ihre Aussage. Gericht Wandsbek muss 19-jährigen Täter laufen lassen

Von Martin Jenssen
Wandsbek/Berne
Ein junger Mann namens Tarek sitzt auf der Anklagebank vor dem Amtsgericht Wandsbek und grinst. Er ist 19 Jahre alt, arbeitet in einem Callcenter und verqualmt an jedem Tag, so sagt er, für rund 20 Euro Marihuana. Ihm wird vorgeworfen, „Stoff“ an Minderjährige verkauft zu haben. Das war im Juni vergangenen Jahres. Da soll er die damals 14-jährigen Schüler Gabriel, Joyce und Tom im Berner Gutspark mit Marihuana „versorgt“ haben. Ein Polizeibeamter beobachtete damals, wie Tarek die Jugendlichen begrüßte und mit ihnen im Park verschwand. Danach wurden die Jugendlichen mit 1,3 Gramm erwischt. Tarek war verschwunden. Als Zeuge berichtet der Polizeibeamte: „Ich erkenne den Angeklagten wieder. Ich habe ihn mehrfach beobachtet. Er hat immer dieses
Grinsen.“ Bei ihrer Aussage vor der Polizei hatten die drei Jugendlichen im Juni Tarek eindeutig belastet. „Er hat uns das Zeug verkauft“, erklärten sie übereinstimmend. Jetzt, als Zeugen vor Gericht, wollen sie davon nichts mehr wissen. Tarek habe sie damals nur in den Park begleitet, sagen sie. Auch durch die Ermahnung des Gerichts, dass Falschaussagen streng bestraft werden und dass sie sich im Juni durch eine falsche Verdächtigung strafbar gemacht hätten, lassen die Schüler nicht von ihrer neuen Aussage ab. Gabriel: „Gekauft habe ich den Stoff von einem Phil. Den kenne ich aber nicht weiter. Seinen Namen wollte ich damals nicht sagen. Ich hatte Angst!“ Auch Joyce berichtet, dass Gabriel das Rauschgift damals von einem „Phil“ gekauft habe, den sie aber nicht kenne. Auch Tom sagt: „Nein, der Angeklagte hat uns nichts verkauft!“ – Tarek grinst bei den Aussagen der Schüler von einem Ohr zum anderen. Der Staatsanwalt glaubt nicht an die Geschichte von „Phil“. Er ist davon überzeugt, dass die inzwischen 15-jährigen Schüler vor Gericht gelogen haben. Er möchte für den 19-jährigen Angeklagten eine Verurteilung erreichen, damit man ihn wenigstens zu einer Therapie verpflichten kann. Doch das Urteil lautet auf „Freispruch!“ Tarek nimmt es mit breitem Grinsen zur Kenntnis. Kommentarlos hört er sich die Erklärung des Amtsrichters an: „Eine Verurteilung war bei dieser Beweislage nicht möglich!“ Der Richter bittet den Angeklagten aber, freiwillig eine Drogenberatungsstelle aufzusuchen: „Wenn Sie von dem Rauschgift loskommen, dann werden Sie sehen, wie frei und glücklich man sich fühlen kann. Die Mengen, die Sie nehmen, können schwere Hirnschäden verursachen!“ Ob diese Ermahnungen auf fruchtbaren Boden fallen, ist schwer zu ergründen. Tarek verließ das Gericht grinsend.
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