Heimatgefühle in Marienthal

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Florian Mohr auf „seinem“ Platz. 2009 wurde der Spielbetrieb hier eingestellt. Foto: Hernandez/Hamburger Abendblatt

Mit dem Wechsel zu St. Pauli kehrt Florian Mohr in seine Heimatstadt zurück

Von Lutz Wöckener
Hamburger Abendblatt

Hamburg. Der herzliche Willkommensgruß, der dem Besucher vom Torbogen über dem Eingang zum Stadion Marienthal ins Auge fällt, ist nicht mehr aktuell. „Die Stadionanlage ist gesperrt! Durchgang verboten!“, verkündet ein Schild. Einem Florian Mohr wird hier dennoch Einlass gewährt.
Ein Schlüssel fällt ins Schloss, dann öffnet sich die Gittertür. Der 27-Jährige tritt ein, um nach wenigen Schritten schon wieder stehen zu bleiben. Er hatte etwas anderes erwartet, stemmt die Arme in die Hüften und muss sich einen Überblick verschaffen. Die beiden Fußballtore stehen noch an ihrem angestammten Platz, ansonsten ist nichts mehr, wie es einmal war. Nichts mehr, wie er es kennt. Die Anzeigetafel ist abmontiert, die weiße Farbe blättert von der einst stolzen Sitzplatztribüne, ihre Wände sind mit Graffiti beschmiert. Bauschutt und Dreck bedecken den Boden, die meisten der 800 Plastikschalen wurden herausgerissen.

Sechzehner als Biotop
Früher hielt er als Abwehrspieler hier die Strafräume sauber. Heute müsste man dafür einen Gärtner anstellen. Meterhoch sprießen Gräser und Unkraut auf dem Platz in die Höhe. Mittelkreis und Sechzehner sind in einem Biotop verwachsen, während die Natur auch vor der imposanten Stehplatzgegengeraden nicht haltgemacht hat. Grün dominiert. Hier, wo jahrzehntelang schwarz-rot, die Vereinsfarben des SC Concordia, angesagt gewesen waren. Die Konturen, die den eigentlichen Zweck der Anlage erkennen lassen, verwischen immer mehr. 2009 wurde der Spielbetrieb eingestellt, die Unterhaltskosten waren zu hoch. „Cordi“ spielt mittlerweile am Bekkamp - in der Landesliga. Mohr muss schlucken, bevor er etwas sagen kann: „Ich bin schockiert.“
Im Sommer ist er vom SC Paderborn zurück in seine Geburtsstadt gewechselt, stand für den FC St. Pauli zum Zweitligaauftakt am vergangenen Wochenende in der Startelf beim FC Erzgebirge Aue. Mohr ist zurück in Hamburg und kehrte nun, nach jeweils vier Jahren bei Werder Bremen und in Ostwestfalen, erstmals zurück zu seinen sportlichen Wurzeln. Zehn Jahre spielte der Eilbeker für die Concorden. An der Oktaviostraße schaffte er 2002 als 17-Jähriger gegen die Amateure des HSV den Sprung in den Herrenbereich: erstes Spiel, erster Sieg. Viele weitere folgten. „Die Erinnerungen kommen wieder hoch, die vielen Gedanken an eine unglaublich schöne Zeit“, sagt er, ohne den Blick von der maroden Spielstätte abzuwenden.
Die Bilder, wie er als Jugendlicher die letzten 250 Meter von der Bushaltestelle Osterkamp zu Fuß und mit seiner Sporttasche über der Schulter zurücklegte, wie er als 18-Jähriger seinen Smart vor dem Stadion parkte, sie sind wieder da. Die Gesichter der Mitspieler, Trainer, Betreuer. Bilder von rauschenden Feiern in der kleinen Spielerkabine.„Schon auf dem Weg hierher kamen die Erinnerungen hoch, das Kribbeln im Bauch wurde immer stärker“, berichtet er. Freude, Dankbarkeit und Melancholie vermischen sich. „Das schönste Spiel“, platzt es nach längerer Redepause aus ihm heraus, „das war gegen St. Paulis Zweite. Ich habe Fabian Boll schon ein paar Mal erinnert. 5:0! Schönes Ding.“ - „Ecke, Kopfball Flo Mohr, 2:0“, ergänzt jemand aus dem Hintergrund. Marc Fascher war im benachbarten Gehölz joggen und ist zufällig zum Gespräch dazugestoßen.
Fascher ist Mohrs großer Förderer. Er war es, der ihm den Sprung ermöglichte. 2001 holte er ihn zum Probetraining in den Herrenbereich. Der A-Jugendliche hatte bis dahin nur auf Hamburger Ebene gekickt. „Nach der Einheit kamen die Führungsspieler Zapel, Tramm und Reymann und fragten, wo denn der Junge herkomme. Er hatte so dazwischengefegt, dass er sich gleich den nötigen Respekt verschaffte.“ Mohr spielte sich fest. In der Mannschaft und mit Concordia in der Spitzengruppe der vierten Liga. „Ich hatte keine Zweifel, dass er es in den Profibereich schafft. Er hat die perfekte Einstellung. Diese Professionalität, dieser extreme Ehrgeiz, die Leistungsbereitschaft waren für sein Alter außergewöhnlich.“
Eigenschaften, die Hamburgs Amateurfußballer des Jahres 2003 noch heute kennzeichnen. „Er hat sich kontinuierlich gesteigert und verkörpert die Art von Innenverteidiger, die wir uns vorstellen“, sagt sein aktueller Trainer. André Schubert wollte ihn bereits 2011 zu St. Pauli holen. Mohr ist ein Trainerliebling, ein Streber. Einer, der Verlässlichkeit garantiert. Schubert, bereits in Paderborn als Trainer für den mittleren von drei Brüdern verantwortlich, weiß das ebenso zu schätzen wie Mohrs frühere Trainer: Roger Schmidt, Pavel Dotchev, Thomas Schaaf, Thomas Wolter - und Fascher. Der momentan vereinslose Coach, zuvor in Emden, Jena oder Münster erfolgreich, ist sichtlich erfreut über das Wiedersehen mit dem Musterschüler: „Schön zu sehen, dass er nach Hause gekommen ist und es mittlerweile gepackt hat, wenngleich ich ihm den Schritt in den Profibereich bereits in Bremen zugetraut hatte.“
Dass er bei Werder drei Jahre lang mit den Profis trainierte, um doch nur in der U23 zum Einsatz zu kommen, hat er längst abgehakt. „Ich bereue den Schritt nicht“, sagt Mohr, der 2004 Angebote vom HSV und von St. Pauli ausschlug, und lässt seinen Blick noch einmal über die begrünten Ränge wandern, „aber am liebsten wäre ich damals mit Concordia in die Regionalliga aufgestiegen. Und wenn der Verein gewollt hätte, dann hätten wir es auch geschafft.“ Dem FC St. Pauli liegt ein konkretes Angebot für den wechselwilligen Innenverteidiger Carlos Zambrano vor. Wie erwartet will Bundesligist Eintracht Frankfurt den 23 Jahre alten Peruaner verpflichten. Sportdirektor Rachid Azzouzi will zu Beginn der nächsten Woche eine Entscheidung bekannt geben.  
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