Neue Anfänge nach 1945 ? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen, Eine Wanderausstellung der Evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland

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Hamburg: Herntrichsaal, Evangelische Stiftung Alsterdorf | „Neue Anfänge nach 1945?“
Unter diesem Titel geht eine Wanderausstellung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland der Frage nach, wie der Neuanfang nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Bereich der Kirche verstanden und in die Wege geleitet wurde. Betrachtet wird der Zeitraum zwischen 1945 und 1985.

Wie wurden in den nordelbischen Kirchen das Kriegsende und die militärische Niederlage Deutschlands empfunden und gedeutet? Wie konsequent versuchte man, mit den menschenverachtenden Sichtweisen und Denkmustern des Nationalsozialismus zu brechen? Welche personellen und inhaltlichen Kontinuitätslinien aus der NS-Zeit waren weiterhin wirksam? Wann und auf welche Weise konnten sich neue Weichenstellungen durchsetzen?

In sechs Themenfeldern dokumentiert die Ausstellung, in welcher Weise sich die im lutherischen Norden lange Zeit vorherrschende nationalprotestantische Mentalität, die die Hinwendung zum Nationalsozialismus gefördert hatte, nach 1945 zunächst wieder durchsetzte und Wirkungsmacht entfaltete. Im Vordergrund stehen konkrete Fälle und Beispiele aus den nordelbischen Landeskirchen und Gemeinden. Gezeigt wird auch der mühevolle Weg von Auseinandersetzung und Dialog über Jahrzehnte, der schließlich zu einer Veränderung der Kirche führte.

Die Ausstellung wurde am 29. Januar 2016 in der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg eröffnet und ist ab 27. April im Herntrich Saal auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf zu sehen.

Ort: Herntrichsaal, Evangelische Stiftung Alsterdorf
Geöffnet: werktags 10.00-16.30 Uhr

Informationen über Führungen: 040-50773462


Begleitprogramm der Ausstellung:
(alle Veranstaltungen im Herntrichsaal)


Mi 27.4. 17.00 Eröffnung der Ausstellung
Begrüßung: Dr. Michael Wunder

„Neue Anfänge nach 1945 in der Evangelischen Kirche? – Zum Umgang mit der NS-Geschichte und ihrer Bedeutung für heute“ Dr. Stephan Linck, Historiker
Welche Schwierigkeiten hatte die Kirche nach 1945, sich den eigenen Fehlern zu stellen? Stephan Linck hat dies an Hand der Geschichte der Kirchen Nordelbiens untersucht. Die kirchliche Haltung konzentrierte sich auf die praktisch-diakonische Unterstützung der notleidenden Bevölkerung. Fragen nach den Ursachen des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen wurden nicht gestellt. Der Vortrag gibt einen kurzen Überblick über die Mängel im kirchlichen Handeln nach 1945 und führt die Grundkonzeption der Ausstellung ein, die von Prof. Dr. Stefanie Endlich und Beate Rossié kuratiert wurde.

„Die zweite Schuld – zum Umgang mit der Geschichte in Alsterdorf “
Dr. Harald Jenner, Historiker
Der Begriff der „ Zweiten Schuld“ geht auf einen Buchtitel von Ralph Giordano aus dem Jahre 1987 zurück und bezeichnet klar und prägnant die Unfähigkeit der bundesdeutschen Gesellschaft mit den NS-Verbrechen umzugehen. Die Analyse Giordanos, der selbst zu den NS-Verfolgten gehörte, trifft auch auf den Umgang mit der Geschichte der Alsterdorfer Anstalten der Jahre 1933 – 1945 zu. Die Aufklärung über die eigene Geschichte wurde 40 Jahre lang verweigert und verhindert. Ein Versuch, sich dieser Geschichte des Verschweigens anzunähern.


Do 28.4 17.00 Uhr

Lesung in einfacher Sprache:
Mechthild Großmann liest aus „Annas Spuren“
von Sigrid Falkenstein,
anschließend: Gespräch mit der Autorin
Anna war geistig behindert. 1940 wurde sie Opfer der Euthanasie in der Gaskammer von Grafeneck. Sigrid Falkenstein hat die Geschichte ihrer Tante erforscht und schildert sie vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Rassen- und Erbhygiene und des Programms der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.



Mo 2.5. 17.00 Uhr

„Neue Anfänge nach 1945 – von der Inneren Mission zum Diakonischen Werk“
Dr. Uwe Kaminsky, Historiker

Die organisatorische Fortentwicklung von der „alten“ Inneren Mission zum modernen Diakonischen Werk erhellt noch nicht die Transformation des sozialreligiösen Engagements, die nach 1945 einsetzte. Die Schatten des Nationalsozialismus waren dabei lang und wirkten in Form personeller und ideeller Kontinuitäten noch lange nach.
Die kirchliche Sozialform der Diakonie ist nach 1945 durch einen Wandel der Mitarbeitenden und ihrer Aufgabenfelder charakterisiert. Die Entwicklung von ordensgebundenem zu weltlichem Personal in Krankenhäusern, Heimen und Dienststellen war durch die Verschiebung und Ergänzung der Fürsorgefelder von geschlossenen zu offenen und ambulanten Formen in der Krankenpflege, Erziehung, Altenpflege und zu Beratungsdiensten in Form einer Netzwerkstruktur begleitet. Neben der traditionellen Anstaltsfürsorge in den Feldern der Gesundheits-, der Erziehungs- und der Wirtschaftsfürsorge (Altenheime etc.) gewannen nach 1945 gerade offene Angebote der Beratung zunehmend Bedeutung.


Di 3.5. 17.00 Uhr

„Volkmar Herntrich – Kirchlicher Multifunktionär und kommissarischer Anstaltsleiter der ersten Stunde“
Gerda Engelbracht, Kulturwissenschaftlerin

Am 17. November 1945 gab Volkmar Herntrich bekannt, dass er bereit sei, die Leitung der „Alsterdorfer Anstalten“ kommissarisch zu übernehmen. Mit dieser Entscheidung wurde der spätere Hamburger Landesbischof zum zentralen Weichensteller und Gestalter des Jahrzehnts zwischen Wiederaufbau und Konsolidierung.
In ihrem Vortrag beleuchtet die Bremer Kulturwissenschaftlerin und Autorin Gerda Engelbracht die Biografie des kirchlichen Multifunktionärs, der für die Anstaltsleitung lediglich ein Zeitfenster von werktäglich zwei Stunden reserviert hatte. Wie agierte Herntrich im Spannungsfeld von drastischem Personalmangel und notwendiger Entnazifizierung und welche Positionen vertrat er dabei? Welche Prioritäten setzte er beim Wiederaufbau und der Gebäudenutzung, und welche Auswirkungen hatten diese Entscheidungen auf den Lebensraum der Bewohner und Bewohnerinnen?



Weitere Information zur Ausstellung in Alsterdorf finden Sie hier:
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