Stein des Gedenkens

Anzeige
Hier, an der Zesenstraße 11 in Winterhude, putzt die 90 Jahre alte Jenfelderin die Stolpersteine Foto: nik
 
Diese zwei Stolpersteine erinnern an das Schicksal ihrer Mutter und Tante Foto: nik
Hamburg: Zesenstraße 11 |

90-jährige Jenfelderin putzt regelmäßig in Winterhude den Stolperstein ihrer Mutter, die in Ausschwitz ermordet wurde

Von Nicole Kuchenbecker
Jenfeld/Winterhude
„Eine Mutter hat einem das Leben geschenkt“, sagt Ingrid Waschinsky, „darum sollte man sie achten. Das ist der Grund, warum ich das hier mache.“ Die 90 Jahre alte Jenfelderin putzt regelmäßig die Stolpersteine ihrer Mutter und Tante in Winterhude. Zehn Minuten dauert es, bis die zwei Stolpersteine an der Zesenstraße wieder glänzen. Mit Politur, einem Schwamm und Papiertuch und etwas Wasser säubert Ingrid Waschinsky die Steine. Alle drei Wochen. Es ist ein festes Ritual, das sich die 90 Jahre alte Jenfelderin trotz ihres hohen Alters nicht nehmen lässt.

Tochter durch Adoption gerettet


Mit dem Bus fährt sie bis Wandsbek Markt, dort steigt sie in die U-Bahn, dann wieder in den Bus, bis sie nach gut anderthalb Stunden an ihrem Ziel, an der Zesenstraße 11, in Winterhude, angekommen ist. Hier haben ihre Mutter Eveline Waschinsky und ihre Tante Melanie Peters gewohnt. Beide in einem Haus, aber in verschiedenen Wohnungen und Stockwerken. „Meine Mutter hatte einen sechsten Sinn“, sagt Waschinsky, „sie hat geahnt, dass hier etwas passiert. Sie hat mich deshalb zur Adoption freigegeben.“

Mutter wurde zur Tante


Doch den Kontakt zu ihrem Kind hat Eveline Waschinsky nie abgebrochen. Im Gegenteil. Sie wurde zur Tante, die manchmal zu Besuch kam und finanzierte gemeinsam mit dem Vater, Eggert Peters, dem Mann von Tante Melanie, die Privatschule und das noch heute in Rahlstedt bekannte Haus „Ingrid“ für das gemeinsame Kind. „Sie kam immer zu Besuch und saß auf der Veranda“, erinnert sich die Jenfelderin weiter, „sie war zierlich und immer sehr nett.“ Es sind die blassen Erinnerungen eines kleinen Mädchens. Nicht einmal ein Foto ihrer Mutter ist der Seniorin geblieben. Das Haus Ingrid, das sie einmal erben sollte, wurde von der Adoptivfamilie in den 1940er-Jahren verkauft. Von dem Erlös ist der Familie durch die Währungsreform 1949 fast nichts geblieben.

Ermordet in Ausschwitz


Dass ihre Mutter sie als Säugling weggab, hat Ingrid Waschinsky möglicherweise das Leben gerettet. „Ich bin auch evangelisch und behütet aufgewachsen“, fährt die 90-Jährige fort, „während ich auf meiner Lehrstelle war, kam die Gestapo.“Gewusst hat sie über ihre Herkunft nicht viel. Erst als sie als junge Frau zum Arbeitsdienst sollte, fiel der Schwindel über ihre Herkunft auf. Statt Arbeitsdienst begann sie eine kaufmännische Lehre. Die Buchhalterin hatte jedoch Glück: nur ein paar Tage später war der Krieg vorbei. Sie überlebte unbeschadet. Eveline Waschinsky und Melanie Peters hingegen wurden deportiert. Waschinsky 1943, die Schwester bereits ein Jahr zuvor. Doch sie teilen sich ein Schicksal: Beide Frauen wurden 1943 in Ausschwitz ermordet. Es ist eine Art Spurensuche nach der eigenen Identität, aber auch das Vergangene, die Erinnerungen lebendig zu halten. „Ich habe Ausschwitz erst sehr spät besucht“, sagt Waschinsky weiter, „mit meinem heutigen Mann. Ich hätte das vorher auch nicht verkraftet. So etwas vergisst man einfach nie mehr.“ So etwas dürfe sich auch nicht wiederholen, unter keinen Umständen. Die Jenfelderin: „Dafür können wir nur beten.“

5171 Stolpersteine in Hamburg


In Hamburg gibt es verteilt über die verschiedenen Stadtteile insgesamt 5171 Stolpersteine. In Jenfeld keinen. Doch mit dem Stolperstein ihrer Mutter hat Ingrid Waschinsky einen ganz persönlichen Ort zum Gedenken.

Weitere Infos: Stolpersteine in Hamburg und Liste der Stolpersteine in Hamburg
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige